Förderverein für die Instandsetzung und Nutzung des Weintorggels am Hoyerberg e.V. 

 

 

Geschichte des Torkels/Torggels    (Verfasser: Wilhelm Böhm)

1506 kaufte ein gewisser Lienhard Gunthalm einen großen Hof am Hoyerberg mitsamt Torkel, Geräten, zahlreichem Hofzubehör und  dazu noch et  liche Grundstücke. Da es seinerzeit noch keine Grundbücher gab wurde dies durch Kaufbriefe und Schuldurkunden belegt bzw. nachgewiesen.

1564 erwarb das Spital den Hof samt dem  Hoyerbergtorkel. Bald danach wurde sowohl in den Hof investiert als auch der Torkel erneuert. 

 Der mächtige Torkelbaum trägt die Jahreszahl 1578. Ein Bericht aus der damaligen Zeit  schildert die Errichtung eines solchen  Torkels:

Nachdem ein geeignet gewachsener Baum mit entsprechendem Gewicht  gefunden und gefällt wurde, musste er an Ort und Stelle gebracht werden. Am 9. Januar hat man einen Torkelbaum vom Oberhof nach Oberreutin geführt, zu dessen Abführung 40 Pferde und 60 Mann in einem gebraucht wurden. Dabey ist jedem Mann 1 Stuck Rind- und 1 Stuck Kalbfleisch, neben Suppen und Kraut und Weins genug assigniert worden, also dass in allem aufgegangen ist 15 große Laib Brods, 80 Pfund Rindfleisch, 68 Pfund Kalbfleisch und 5 Aimer Wein (ca. 160 Liter). 

1776 ist der Hoyerbergtorkel gründlich überarbeitet worden. Über den alten, 12 Meter langen Torkelbaum mit seiner Spindel, den Druckstock und das Zuber  zum Auffangen des frisch gepressten Traubensaftes wurde ein  neues Haus gebaut. Jeder Balken wurde mit dem  Spitalkreuz  und den Initialen der damaligen Spitalverantwortlichen  gekennzeichnet.  Selbst in dem aus Backstein  gemauerten Fundament sind  die Luftlöcher in Form des „Spitalischen Doppelkreuzes“ ausgespart. In der Südostecke wurde  - einige Stufen erhöht – das beheizbare Torkelmeisterstüble eingebaut. Seine, in das torkelinnere ragende Ecke,  musste  aus Platzgründen abgeschrägt werden um den Torkelknechten beim Umdrehen der Spindel nicht hinderlich  zu sein . Alles überspannt ein meisterlich gefertigter Dachstuhl, der ein mächtiges Walmdach mit alten Mönch- und Nonnenziegel trägt. Dass an diesem Dach  Witterung und der Zahn der Zeit zwischenzeitlich irreparable Schäden hinterlassen hat, ist eine komplette Erneuerung dringend erforderlich.  Geschätzte Kosten  ca. 80.000.-- €.

 Der Pressvorgang – Funktion des Torkel/Torggels

Jeder Torkel unterstand einem Torkelmeister, dem 2 Torkelknechte zur Hand gingen. Der Torkelmeister, an den man höchste Ansprüche bei seiner Zeitarbeit stellte, wurde jährlich vereidigt.  Den Torkelarbeitern war die gesamte Traubenernte anvertraut die ein ganzes Jahr zur Reife brauchte. Unachtsamkeit oder Unsauberkeit konnten die ganze Arbeit zunichte machen. Daher musste der gesamte Torkel vor  Inbetriebnahme im Herbst gründlich mit Wasser  gereinigt, aller Staub und Spinnweben entfernt werden. In der Torkelordnung des Jahres 1761  liest sich das so:

 „Die Torkelmeister sollen auch reine und saubere Geschirr und kein ungeschmackt, übel schmöckend Geschirr gebruchen damit sie die Wein übel schmöckend machen und verdürben möchtend.“ unter  Androhung einer  vom Rat festgesetzten strengen Bestrafung.  Alle Fässer, Standen, Bütten, Gelten, Zuber und Eimer mussten gereinigt und geschwellt werden. Dabei wurde auch der gestampfte Fußboden  benetzt. Noch 1990 war am Boden um die Spindel ein Kreis zu sehen, den die Torkelknechte beim Drehen der Spindel  in den feuchten Boden stampften, ehe hier Kies eingebracht wurde, der alles abschmirgelte.

 Den im Torkel Tätigen war große Verantwortung für den Torkelbaum und das vom Kübler oder Binder gefertigte hölzerne Inventar  übertragen.  Wie leicht konnte bei unsachgemäßem Umgang mit Feuer und Licht ein Brand entstehen. Immer wieder konnte man vom Schrecken abgebrannter Torkel lesen.

Deshalb waren die Torkelmeister und ihre Knechte über einen Eid verpflichtet – solange die Presszeit dauerte –  „den Torkel weder bei Tag noch bei Nacht nimmermehr zu verlassen, noch davon wegzubleiben“, weshalb es in jedem Torkel ein  beheizbares Torkelstüble mit spartanischer Einrichtung gab. Ein einfacher Tisch, an der Wand schmale Bänke die mit ihren hölzernen Kopfstützen  und Laubsäcken in einfache Schlafmöglichkeiten verwandelt werden konnten.  Zwei winzige Fensterchen geben/gaben  jederzeit  den Blick für den Torkelmeister  frei auf die Spindel und den Druckstock und ermöglichte jederzeit die Kontrolle, ohne das warme Stüble verlassen zu müssen. 

 Da ein  Pressvorgang für den gefüllten Druckstock, in dem 2 Fuder (2000 Liter)  Trauben Platz hatten, 24 Stunden dauerte, war die Arbeit im Torkel ein 24 Stunden Job. Daher stand dem Torkelmeister und den Knechten neben einem guten Lohn viermal täglich warmes  Essen, Licht (!) und Heizung zu. Sonst war man im Torkel jedoch einsam.  Die Torkelordnung aus dem Jahre 1761 ordnete nämlich verbindlich an,  „alle Zusammenkünfte von Leuten, die nicht zum Torkel oder Trucken gehören, sowohl der Aufenthalt der Torkelmeisterweiber, Kinder und anderen Gesindes gänzlich verbotten“ sei. Bei Zuwiderhandlung wird von einem “ Ehrbaren Rat der Reichsstadt Lindau“ eine „unausbleibliche Ahndung und Straff“ angedroht.

 Der Hoyerbergtorkel galt als einer der kleineren (!) Spitaltorkel mit nur einem Druck und einfachem Torkelgeschirr. Trotzdem beeindruckt er durch seine Wuchtigkeit. Zwei ca. 12 Meter lange, handbehauen-zusammengefügte Eschenbäume, die die  Jahreszahl 1578 tragen, bilden  den Torkelbaum. Zwischen seiner Führung, zwei mächtige Eichenbäume, steht der Stock, in dessen Kranz die Traubernte eingeschichtet, mit Füßen gestampft, mit Brettern und Balken bedeckt und danach ausgepresst wurden.  Allein  durch das Drehen der Spindel hob bzw.  senkte sich der Torkelbaum mit seinem geschätzten Gewicht von 5 – 6 Tonnen. Waren Arbeiten im Kranz zu erledigen, sicherte man den Torkelbaum indem man  sogenannte Esel unterschob. Man meint das Ächzen und Knarren noch hören zu können wenn man die archaische Technik betrachtet.

 Vor über  200 Jahren,  1802 verlor Lindau seine Reichsfreiheit, musste auch das Hospital fast all seinen Besitz veräußern bzw. wurde er versteigert. So auch der Hoyerbergtorkel. Er wurde damals auf 200 fl  (Goldgulden=Florin) geschätzt. Bei der Verkaufsversteigerung erbrachte er allerdings 501 fl. Den Zuschlag erhielt 1812 der Lindauer Bäcker  Sebastian Zeller, der ihn später an die Gemeinschaft von  fünf  Eigentümern übergab, ehe ihn  August Gruber – Lindenhofvilla – erwarb. Noch presste man in ihm Wein. 1909 schenkte die Familie Gruber den Torkel der damals noch selbständigen Gemeinde Hoyren, die ihn  dann bei der Eingemeindung  1922 als Mitgift zur Stadt Lindau  einbrachte.